Teurer als zur Dotcom-Blase? So entscheide ich, wann ich Aktien und ETFs verkaufe
Immer wenn die Aktienmärkte – so wie aktuell – extrem hoch bewertet sind, folgen sofort Vergleiche mit der Dotcom-Blase. Viele Anleger fragen sich dann, ob die Aktienmärkte deutlich überbewertet sind und ob man sich inzwischen an einem Punkt befindet, an dem man seine Aktien eher verkaufen sollte.
Die Indizien sprechen durchaus dafür, dass der Aktienmarkt insgesamt schon seit Längerem eine sehr hohe Bewertung erreicht hat. Egal, ob es das Schiller-KGV ist, das oft als aussagekräftigeres Kurs-Gewinn-Verhältnis und damit als fairerer Bewertungsmaßstab für Aktien angesehen wird, oder die Allzeithochs von Indizes wie dem S&P 500 – vieles deutet auf eine ambitionierte Bewertung hin.


Ein weiteres Warnsignal sind die extrem starken Kursausschläge nach Unternehmensnachrichten oder Quartalsergebnissen. Werden die Erwartungen auch nur leicht verfehlt oder selbst hervorragende Ergebnisse mit enormen Gewinnsprüngen veröffentlicht, reicht manchmal bereits eine kleine Nuance – beispielsweise höhere Investitionsausgaben –, damit Aktien plötzlich massiv einbrechen. Diese hohe Volatilität tritt häufig in Marktphasen auf, die von großer Unsicherheit geprägt sind.
Beispielhaft konnte man das zuletzt bei der Alphabet-Aktie beobachten. Das Unternehmen meldete am 22. Juli ein Umsatzplus von 24 Prozent, steigerte das operative Ergebnis um 30 Prozent und erzielte in der Google-Cloud-Sparte ein beeindruckendes Umsatzwachstum von 82 Prozent. Trotzdem verlor die Aktie innerhalb von zwei Handelstagen mehr als zehn Prozent an Wert, wegen nochmals deutlich erhöhten Investitionsausgaben für den Ausbau der KI-Infrastruktur.
Als Anleger stellt sich dann natürlich die Frage: Man sitzt auf hohen Gewinnen der vergangenen Monate oder Jahre, ist verunsichert und fragt sich, ob man diese Buchgewinne nicht langsam realisieren sollte. Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, einen Teil oder vielleicht sogar alle Positionen zu verkaufen?
Gleichzeitig gibt es aber auch bekannte Börsenweisheiten wie „Time in the market beats timing the market.“ Ein Verkauf auf Verdacht war zumindest historisch betrachtet häufig nicht der klügste Weg, weil man dadurch oft einen erheblichen Teil der zukünftigen Kursgewinne verpasst hat.
Deshalb möchte ich mich in diesem Artikel nicht starren oder allgemeingültigen Verkaufsregeln widmen. Stattdessen möchte ich meine persönliche Herangehensweise teilen und zeigen, wie ich solche Entscheidungen treffe. Es ist keine Blaupause und keine Anlageberatung, sondern meine eigene Denkweise, die sich nach fast 20 Jahren an der Börse entwickelt hat und nach der ich persönlich in überbewerteten – oder zumindest scheinbar überbewerteten – Marktphasen meine Ausstiegsstrategie beurteile.
Hohe Bewertungen bei Aktien – sollte man sich überhaupt Sorgen machen?
Die Gründe, die auf den ersten Blick dafür sprechen würden, jetzt Aktien zu verkaufen, liegen auf der Hand: hohe Bewertungen der Aktienmärkte, ambitionierte Erwartungen der Anleger und die teilweise extremen Kursschwankungen nach Quartalsergebnissen. Doch bedeutet das automatisch, dass wir unmittelbar vor einem Börsencrash oder sogar vor einem Megacrash wie zur Dotcom-Blase stehen?
Damals verloren die Aktienmärkte teilweise rund 50 Prozent an Wert, technologielastige Indizes wie der Nasdaq sogar fast 80 Prozent. Genau dieses Worst-Case-Szenario wird derzeit immer wieder als Vergleich herangezogen.
Auf dieses Thema möchte ich an dieser Stelle allerdings nur kurz eingehen, da ich ihm einen eigenen Artikel widmen werde. So viel sei aber bereits vorweggenommen: Mit Vergleichen zur Dotcom-Blase wäre ich eher vorsichtig. Damals wurden zahlreiche Unternehmen mit Milliarden bewertet, obwohl sie kaum Gewinne erzielten oder teilweise noch nicht einmal ein funktionierendes Geschäftsmodell hatten. Heute ist die Ausgangslage eine andere. Die größten Unternehmen der Welt, darunter Microsoft, Alphabet, Meta oder Nvidia, erwirtschaften Jahr für Jahr teilweise Gewinne im dreistelligen Milliarden-Dollar-Bereich und verfügen über enorme Cashflows. Das bedeutet zwar nicht, dass ihre Bewertungen automatisch gerechtfertigt sind, die Qualität der Unternehmen unterscheidet sich jedoch deutlich von jener zur Zeit der Dotcom-Blase.
Lässt man diesen Vergleich einmal außen vor, bleibt eine wichtige Erkenntnis: Hohe Bewertungen sind zwar nicht ideal, sie bedeuten aber zunächst nur, dass Anleger bereit sind, für zukünftiges Wachstum einen hohen Preis zu bezahlen. Der Aktienmarkt crasht nicht automatisch, nur weil die Bewertungen gestiegen sind. Es gibt keine magische Kennzahl und keine feste Grenze, ab der man sagen könnte: Ab hier ist der Markt zu teuer und muss zwangsläufig einbrechen.
Die starken Kursschwankungen nach Quartalsergebnissen oder nach der Ankündigung hoher Investitionsausgaben sind für mich durchaus ein erstes Warnsignal. Ob die aktuell hohen Bewertungen letztendlich gerechtfertigt sind, wird sich jedoch erst in den kommenden Jahren zeigen. Gerade beim Thema Künstliche Intelligenz wird entscheidend sein, ob die derzeitigen Milliardeninvestitionen tatsächlich die erhofften Erträge liefern oder ob die Erwartungen des Marktes zu optimistisch waren.
Damit kommen wir zu der eigentlichen Frage, die ich mir persönlich vor jeder Verkaufsentscheidung stelle – und die aus meiner Sicht deutlich wichtiger ist als jede Bewertungskennzahl:
Warum möchtest du Aktien und ETFs überhaupt verkaufen?
Wenn man sich die Frage stellt, ob man eine Aktie oder einen ETF verkaufen sollte, lohnt es sich, gedanklich einen Schritt zurückzugehen und sich zu fragen, warum man dieses Investment ursprünglich überhaupt gekauft hat. Denn genau dort liegt die Antwort oft bereits auf der Hand.
Wer über einen Verkauf nachdenkt, handelt häufig nicht mehr aus der ursprünglichen Investmentidee heraus, sondern aus Angst vor möglichen Kursrückgängen. Viel seltener ist tatsächlich eine grundlegende Veränderung der Investmentthese der Auslöser.
Langfristiger Investor: Aktien verkaufen oder ETFs verkaufen?
Genau diese echte Veränderung ist für mich jedoch der entscheidende Punkt. Solange sich an den Gründen, warum ich ein Unternehmen oder einen ETF gekauft habe, nichts Wesentliches geändert hat, sehe ich als langfristiger Investor in den meisten Fällen keinen Anlass zu verkaufen.
Habe ich ein Unternehmen im Depot, das gut läuft, seine Gewinne regelmäßig steigern kann, ein fähiges Management hat und vor allem ein Geschäftsmodell besitzt, das meiner Meinung nach auch langfristig funktionieren wird, dann gibt es für mich keinen Grund, die Position nur aufgrund einer hohen Bewertung panisch zu verkaufen – vor allem dann nicht, wenn ich das Unternehmen ohnehin viele Jahre im Depot halten möchte.

Ein gutes und plakatives Beispiel ist für mich die Nvidia-Aktie. Sie ist mittlerweile seit Jahren eine der erfolgreichsten Aktien überhaupt und wurde in dieser Zeit immer wieder als völlig überbewertet bezeichnet. Trotzdem hat sich der langfristige Trend fortgesetzt, weil sich das Geschäftsmodell kontinuierlich weiterentwickelt hat und die Gewinne mitgewachsen sind.
Gute Unternehmen können an der Börse erstaunlich lange als teuer gelten und trotzdem weiter steigen.
Das bedeutet für mich allerdings nicht, dass ich Bewertungen komplett ignoriere. Ein Beispiel aus meinem eigenen Depot ist die Danaher-Aktie, die ich während des Corona-Crashs Anfang 2020 gekauft hatte. Die Aktie war schon damals hoch bewertet (KGV 30) und bei vielen Investoren äußerst beliebt. Als sich das Wachstum ab 2022 jedoch spürbar verlangsamte, einzelne Geschäftsbereiche ausgegliedert wurden und die hohe Bewertung aus meiner Sicht nicht mehr gerechtfertigt war, entschied ich mich, die Position zu verkaufen. Rückblickend war das – zumindest wenn man den weiteren Kursverlauf betrachtet – eine gute Entscheidung.


Eine ebenfalls aus meiner Sicht sinnvolle Strategie kann es sein, bewusst einzelne Positionen bei hohen Bewertungen zu reduzieren, wenn man ohnehin eine Umschichtung plant. Beispielsweise kann es sinnvoll sein, einen Teil der Gewinne aus Einzelaktien mitzunehmen und stattdessen stärker in breit gestreute ETFs zu investieren.
Dadurch lässt sich das Risiko reduzieren, ohne den Aktienmarkt komplett zu verlassen.
Bei ETFs selbst bin ich deutlich pragmatischer. Hier reduziere ich meine Anteile nur sehr selten und eigentlich nur dann, wenn ich ohnehin eine Umschichtung innerhalb meines Portfolios vornehme. Allein aufgrund hoher Bewertungen würde ich einen breit diversifizierten ETF in der Regel nicht verkaufen.
Es gibt allerdings auch Aktien, die ich von Anfang an gar nicht für die Ewigkeit kaufe. Hier steht nicht der jahrzehntelange Vermögensaufbau im Vordergrund, sondern ein bestimmter Trend oder eine konkrete Investmentidee, die sich mit der Zeit auch wieder ändern kann. Genau bei solchen Investments gelten für mich andere Maßstäbe als bei langfristigen Qualitätsunternehmen.
Wann sollte man kurzfristige Investitionen verkaufen?
Natürlich gibt es auch Investitionen, die ich ganz bewusst nur für einen bestimmten Zeitraum eingehe. Dahinter steht dann nicht die Idee, das Unternehmen über Jahrzehnte im Depot zu halten, sondern eine konkrete Investmentthese, die sich früher oder später erfüllen oder eben auch nicht erfüllen kann.
Bei solchen Investitionen steht von Anfang an fest, wann beziehungsweise unter welchen Bedingungen ein Verkauf erfolgen soll – unabhängig von jeglichen Bewertungskriterien.
Ein paar Beispiele für solche eher kurzfristigen Investitionen – ausdrücklich ohne Anlageempfehlung, sondern lediglich zur Veranschaulichung, wie solche Investmentthesen aussehen können.
- Makroökonomische These: Geht man beispielsweise davon aus, dass die Zinsen länger hoch bleiben oder sogar wieder steigen, könnte sich das positiv auf Bankaktien auswirken. Mit einer entsprechenden Investmentthese könnte man versuchen, von dieser Entwicklung zu profitieren.
- Aktuelle Marktrends: Oder man setzt auf einen aktuellen Börsentrend wie die Künstliche Intelligenz und geht davon aus, dass bestimmte Unternehmen von diesem Boom profitieren werden, ohne gleichzeitig anzunehmen, dass diese Entwicklung über viele Jahre in derselben Dynamik anhält.
- Turnaround Spekulation: Auch stark gefallene Aktien, die wiederentdeckt werden könnten, können interessante mittelfristige Investmentmöglichkeiten sein. Ein aktuelles Beispiel dafür sind Softwareaktien, die – wie ich bereits in einem früheren Artikel beschrieben habe – im Zuge des KI-Booms deutlich unter Druck geraten sind.
Mir persönlich hilft bei solchen Spekulationen eine sehr einfache Vorgehensweise. Ich gehe einmal pro Woche mein gesamtes Depot durch und überprüfe bei jeder Aktie und jedem ETF eine kurze Notiz, warum ich dieses Investment ursprünglich gekauft habe. So kann ich jederzeit nachvollziehen, ob sich meine Investmentthese bereits erfüllt hat, ob sie noch intakt ist oder ob sie sich inzwischen als falsch herausgestellt hat.
Der große Vorteil dabei ist, dass meine Entscheidungen deutlich objektiver werden. Ich muss nicht jedes Mal überlegen, ob die Bewertungen an der Börse gerade hoch oder niedrig sind oder ob die Nachrichten besonders positiv oder negativ ausfallen. Stattdessen prüfe ich, ob der ursprüngliche Kaufgrund noch besteht. Genau das ist für mich die eigentliche Grundlage, um zu entscheiden, ob ich eine Aktie oder einen ETF weiter halte oder verkaufe.
Der größte Fehler vieler Anleger
Aus meiner Sicht verkaufen viele Anleger jedoch nicht aufgrund der zuvor beschriebenen Kriterien oder einer klaren Investmententscheidung, sondern vor allem aufgrund ihrer Emotionen oder der aktuellen Nachrichtenlage. Steigen die Kurse stark, möchten viele ihre Gewinne sichern. Kommt es nach einer längeren Rallye zur ersten größeren Korrektur, verkaufen sie aus Angst vor weiteren Verlusten.
Historisch betrachtet waren genau diese Entscheidungen jedoch häufig die teuersten. Die größten Vermögen an der Börse entstehen in den meisten Fällen nicht durch perfektes Timing, sondern dadurch, dass gute Unternehmen über viele Jahre hinweg Zeit bekommen, ihr Potenzial zu entfalten.
Die Aktien, mit denen ich persönlich die größten Gewinne erzielt habe, waren keine kurzfristigen Spekulationen, sondern Unternehmen, die ich seit mehr als zehn Jahren im Depot halte.
Müsste ich heute entscheiden, wann ich eine bestimmte Aktie verkaufe, dann wäre der aktuelle Kurs nicht ausschlaggebend. Auch eine hohe Bewertung, beispielsweise gemessen am KGV, oder eine Schlagzeile in den Finanzmedien wären für mich kein sofortiger Verkaufsgrund. Entscheidend ist vielmehr, ob sich meine ursprüngliche Investmentthese verändert hat.
Natürlich gilt das nicht pauschal für jede Situation. Möchte ich mein Depot umschichten oder haben sich die Rahmenbedingungen beziehungsweise die Ausgangslage grundlegend verändert, kann ein Verkauf selbstverständlich sinnvoll sein. Ebenso gibt es die bereits beschriebenen Investments, die von Anfang an nur auf eine bestimmte These oder einen zeitlich begrenzten Trend ausgelegt sind.
Nichtsdestotrotz sollte man aktuelle Bewertungen auch nicht völlig ignorieren. Am Ende muss sich eine hohe Bewertung am Aktienmarkt irgendwann durch entsprechende Gewinne und Wachstum rechtfertigen. Gerade das derzeit historisch hohe Shiller-KGV zeigt, dass der Aktienmarkt trotz der guten Unternehmensentwicklung auf einem anspruchsvollen Bewertungsniveau notiert. Ob diese Bewertungen dauerhaft gerechtfertigt sind, wird sich allerdings erst in den kommenden Jahren zeigen. Auf dieses Thema gehe ich in einem separaten Artikel noch ausführlicher ein.
