Digitaler Euro: Jetzt wird es ernst – 36 Banken testen ihn
Über den digitalen Euro wird viel diskutiert. Die wenigsten wissen jedoch, was er am Ende für sie selbst und ihr Bankkonto bedeutet. Oft konzentriert sich die Diskussion vor allem auf die Frage, ob er Bargeld ersetzen soll oder ob der digitale Euro überhaupt notwendig ist. Nach längerer Zeit gibt es nun wieder Fortschritte bei dem Projekt, und es nimmt allmählich Fahrt auf.
Die Europäische Zentralbank hat nun 36 Banken und Zahlungsdienstleister für einen groß angelegten Praxistest ausgewählt. Darunter befinden sich bekannte Namen wie die Deutsche Bank, UniCredit, Raiffeisen Bank International, BAWAG, Revolut oder Stripe.
Eine besonders spannende Konstellation ergibt sich dabei aus der Rolle der Banken. Für alle, die sich mit dem Thema noch nicht näher beschäftigt haben: Der digitale Euro soll echtes Zentralbankgeld sein und Händler müssen es verpflichtend annehmen und kein Giralgeld, das von Geschäftsbanken geschaffen wird. Genau deshalb befürchten manche Banken, dass die Europäische Zentralbank langfristig einen Teil ihres bisherigen Geschäftsmodells unter Druck setzen könnte.
Umso interessanter ist es, dass sich nun zahlreiche Banken, die dem digitalen Euro in der Vergangenheit teilweise kritisch gegenüberstanden, aktiv an diesen Praxistests beteiligen.
Gleichzeitig nimmt das Projekt auch auf politischer Ebene Fahrt auf, um den digitalen Euro Realität werden zu lassen und die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen.
Damit geht das Projekt in eine völlig neue Phase und wird langsam auch für die ersten Bankkunden greifbar.
Die entscheidende Frage lautet jetzt: Was bedeutet das eigentlich für dich als Kunde dieser Banken? Müssen wir künftig alle mit dem digitalen Euro bezahlen? Welche Vorteile bietet er überhaupt? Warum sollte man ihn nutzen? Und wo könnte der digitale Euro am Ende tatsächlich seinen Platz finden?
Von der Idee zum umfangreichen Prototypen
Eine Zeit lang war es ruhig um den digitalen Euro. Zwar wurde bereits bekannt gegeben, dass es dafür eine eigene App geben soll, doch größere Neuigkeiten ließen lange auf sich warten.
Mittlerweile wurde jedoch der nächste wichtige Schritt gesetzt. Der Wirtschafts- und Währungsausschuss des EU-Parlaments hat sich am 23. Juni 2026 für den digitalen Euro ausgesprochen. Dabei wurden unter anderem wichtige Eckpunkte festgelegt:
- Zahlungen sollen sowohl online als auch offline möglich sein,
- es soll ein Guthabenlimit geben,
- der digitale Euro wird nicht verzinst,
- die Basisfunktionen sollen kostenlos sein und
- der Datenschutz soll nach dem Prinzip „Privacy by Design“ umgesetzt werden.
Außerdem sollen Händler, die bereits digitale Zahlungsmittel akzeptieren, künftig auch den digitalen Euro annehmen müssen.
Nach der Zustimmung des Ausschusses bestätigte das EU-Parlament am 9. Juli die Aufnahme der Verhandlungen. Damit können nun das Europäische Parlament, der EU-Rat und die EU-Kommission über die endgültige gesetzliche Ausgestaltung des digitalen Euro verhandeln.
Das ist ein entscheidender Unterschied zu den bisherigen Meldungen. Bisher ging es vor allem um Studien, Konzepte und erste Prototypen. Jetzt wird erstmals konkret an den rechtlichen Rahmenbedingungen gearbeitet, die für eine spätere Einführung notwendig sind.
Sehr rasch darauf, bereits einen Tag nach dem Beginn der Verhandlungen, wurden am 14. Juli aus rund 50 Bewerbungen insgesamt 36 Zahlungsdienstleister ausgewählt. Gemeinsam mit der EZB und den 19 nationalen Zentralbanken sollen sie nun eine nahezu funktionsfähige Beta-Version des digitalen Euro testen. Dazu gehören unter anderem:
- Deutsche Bank
- UniCredit
- BAWAG
- Raiffeisen Bank International
- Revolut
- Adyen
- Nexi
- DZ Bank
- Helaba
- Banco Comercial Português
- Caixa Geral de Depósitos
- Stripe Europe
- Worldline
Getestet werden unter anderem:
- Zahlungen zwischen Privatpersonen,
- Offline-Zahlungen,
- Zahlungen an der Ladenkasse,
- mobile Zahlungen,
- E-Commerce-Zahlungen sowie
- die Eröffnung und Verwaltung eines digitalen Euro-Kontos.
Damit handelt es sich um einen umfassenden Praxistest des digitalen Euro.
Wichtig ist dabei: Diese Test-Euro sind noch kein gesetzliches Zahlungsmittel. Es handelt sich also noch nicht um echtes, frei verfügbares Zentralbankgeld.
In diesen Tests geht es vor allem darum, wie sich der digitale Euro im Alltag verhält und wie er sich möglichst einfach in bestehende Bank- und Zahlungssysteme integrieren lässt. Mit einer so großen Anzahl an Banken, Finanzinstituten und Zahlungsdienstleistern – praktisch der Crème de la Crème der europäischen Finanzbranche – kann die Europäische Zentralbank den digitalen Euro nun unter möglichst realistischen Bedingungen erproben.
Was bedeutet der digitale Euro für Bankkunde?
Gleich vorweg: Für die meisten Menschen wird sich zunächst voraussichtlich nichts direkt ändern. Das normale Girokonto bleibt bestehen, Überweisungen funktionieren wie bisher, die Bankkarte wird nicht verschwinden und auch das Bargeld soll – zumindest nach den heutigen offiziellen Aussagen – nicht von heute auf morgen ersetzt werden.
Der digitale Euro soll vielmehr eine zusätzliche Möglichkeit zum Bezahlen werden. Hintergrund ist vor allem, dass ein großer Teil des internationalen Zahlungsverkehrs heute über Zahlungssysteme amerikanischer Unternehmen abgewickelt wird. Die Europäische Zentralbank möchte hier mehr Unabhängigkeit schaffen. Gerade der Russland-Ukraine-Krieg hat gezeigt, wie schnell Staaten oder Banken durch Sanktionen vom internationalen Zahlungsverkehr ausgeschlossen werden können. Genau deshalb sehen viele Politiker und ein Großteil des EU-Parlaments den Aufbau einer eigenen europäischen Zahlungsinfrastruktur als strategisch wichtig an.

Die ausgewählten Banken und Zahlungsdienstleister werden im ersten Schritt lediglich die technische Umsetzung testen. Dabei geht es unter anderem darum, wie sich der digitale Euro später in Banking-Apps, Online-Banking-Portale und bestehende Zahlungssysteme integrieren lässt. Wahrscheinlich werden die Tests zunächst im Hintergrund und mit ausgewählten Testgruppen durchgeführt. Von einer großflächigen Einführung sind wir also noch ein gutes Stück entfernt.
Der digitale Euro soll außerdem zu Beginn nicht verpflichtend genutzt werden müssen. Er ist vielmehr als Ergänzung zu den bestehenden Zahlungsmöglichkeiten gedacht. Das bedeutet: Wer den digitalen Euro zunächst nicht nutzen möchte, wird ihn nach aktuellem Stand auch vermeiden können.
Welche Vorteile hätte der digitale Euro?
Im ersten Schritt hört sich das alles noch recht unspektakulär an. Daher kann man sich durchaus die berechtigte Frage stellen: Welchen Vorteil bringt der digitale Euro eigentlich für Privatpersonen?
Der größte Vorteil könnte darin liegen, dass es sich um direktes digitales Zentralbankgeld handelt. Das Guthaben auf deinem Girokonto ist rechtlich gesehen eine Forderung gegenüber deiner Geschäftsbank. Sollte diese insolvent werden, greift die gesetzliche Einlagensicherung. Allerdings ist deren Sicherungsfonds nicht unbegrenzt und könnte im Fall einer größeren Bankenkrise an seine Grenzen stoßen.
Ein weiterer Vorteil soll sein, dass die grundlegenden Funktionen des digitalen Euro kostenlos angeboten werden müssen. Dazu zählen beispielsweise die Eröffnung eines digitalen Euro-Wallets, Ein- und Auszahlungen, Zahlungen sowie Überweisungen. Für diese Basisfunktionen dürfen Banken künftig keine Gebühren verlangen, wenn sie einen digitalen Euro anbieten.
Für zusätzliche Dienstleistungen sieht das allerdings anders aus. Premium-Funktionen oder besondere Zusatzservices könnten Banken weiterhin kostenpflichtig anbieten.
Zugegebenermaßen gibt es bereits heute zahlreiche Direktbanken und Finanzdienstleister, bei denen die meisten Bankgeschäfte im Euroraumn kostenlos möglich sind. Der praktische Vorteil des digitalen Euro wäre daher für viele Menschen zunächst eher gering. Langfristig könnte er jedoch dazu beitragen, dass kostenlose Basis-Bankdienstleistungen europaweit zum Standard werden.
Genau darin sehen viele Geschäftsbanken auch eine Bedrohnung. Sollten künftig immer mehr grundlegende Zahlungsdienstleistungen kostenlos angeboten werden müssen, könnten einige ihrer bisherigen Einnahmequellen wegfallen. Das ist einer der Gründe, warum sich viele Banken dem digitalen Euro in der Vergangenheit eher kritisch gegenüber geäußert haben.
Bargeldverbot und Datenschutz beim digitalen Euro
Den vergleichsweise überschaubaren Vorteilen stehen beim digitalen Euro vor allem zwei große Diskussionsthemen gegenüber: Datenschutz und Bargeld.
Viele Menschen befürchten, dass der digitale Euro langfristig ein weiterer Schritt in Richtung einer Abschaffung des Bargeldes sein könnte. Nach aktuellem Stand gibt es dafür zwar keine konkreten Pläne. Dennoch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass jede zusätzliche digitale Zahlungsmöglichkeit das Bargeld langfristig weiter verdrängen könnte.
Solange Bargeld in der Bevölkerung jedoch noch so intensiv genutzt wird, erscheint eine vollständige Abschaffung derzeit wenig realistisch. Laut einer Studie der Europäischen Zentralbank wurden Ende 2024 immer noch rund 52 Prozent aller Zahlungen an der Ladenkasse mit Bargeld durchgeführt. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass dieser Anteil seit Jahren schrittweise zurückgeht.

Auch das Thema Datenschutz wird im Zusammenhang mit dem digitalen Euro immer wieder kritisch diskutiert. Die Europäische Zentralbank betont zwar, dass der digitale Euro möglichst datenschutzfreundlich gestaltet werden soll. Dennoch stellt sich für viele die Frage, wie anonym digitale Zahlungen tatsächlich sein können.
Schließlich müssen Zahlungen technisch verarbeitet und synchronisiert werden. Auch wenn dabei bestimmte personenbezogene Informationen geschützt oder nur eingeschränkt verarbeitet werden, hinterlässt eine digitale Zahlung zwangsläufig eine digitale Spur.
Deshalb halte ich es für schwierig, den digitalen Euro – selbst mit einer möglichen Offline-Funktion – vollständig mit Bargeld gleichzusetzen. Eine Bargeldzahlung ist grundsätzlich anonym. Beim digitalen Euro wird dagegen immer zumindest ein gewisser technischer Nachweis der Transaktion erforderlich sein. Wie umfangreich dieser letztlich ausfällt, wird von der endgültigen technischen und rechtlichen Ausgestaltung abhängen.
Der digitalen Euro wird Realität
Mit der Auswahl der Banken und Zahlungsdienstleister sieht man nun deutlich, dass der digitale Euro langsam konkrete Formen annimmt. Parallel dazu werden auch die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen. Das Projekt entwickelt sich also zunehmend von einer theoretischen Idee hin zu einer möglichen zukünftigen Realität.
Für Bankkunden wird sich kurzfristig allerdings kaum etwas ändern – nicht zuletzt, weil eine mögliche Einführung derzeit frühestens für das Jahr 2029 erwartet wird.
Ich bin gespannt, welchen Platz der digitale Euro letztendlich einnehmen wird. Durch die fehlende Verzinsung erscheint er mir gegenüber Tagesgeldkonten oder Geldmarktfonds derzeit wenig attraktiv. Als Vermögensspeicher eignet er sich aus meiner Sicht überhaupt nicht. Er ist vielmehr eine digitale Form des Euro, die in erster Linie zum Bezahlen gedacht ist.
Auch der Vorteil, dass es sich um direktes Zentralbankgeld handelt, verliert aus meiner Sicht an Bedeutung, wenn gleichzeitig über ein Guthabenlimit von rund 3.000 Euro diskutiert wird.
Das eigentlich Spannende am digitalen Euro ist für mich die angestrebte Unabhängigkeit Europas von amerikanischen Zahlungsanbietern und Zahlungssystemen. Allerdings ist genau das aus Sicht des einzelnen Privatkunden kein unmittelbar spürbarer Vorteil. Deshalb glaube ich, dass es der digitale Euro gerade in der Anfangsphase schwer haben wird, sich im Alltag durchzusetzen. Erst wenn zusätzliche Anreize geschaffen werden – beispielsweise durch Förderungen oder staatliche Auszahlungen, die bevorzugt über den digitalen Euro erfolgen – könnte seine Verbreitung deutlich zunehmen.
Auch in den USA entwickeln sich digitale Zahlungslösungen rasant weiter. Dort setzen mehrere Banken und Finanzunternehmen allerdings eher auf Stablecoins als auf eine digitale Zentralbankwährung. Der digitale Euro ist somit auch eine Antwort der Europäischen Zentralbank auf diese Entwicklung und den zunehmenden Wettbewerb im digitalen Zahlungsverkehr.
Die kommenden Jahre werden deshalb weniger darüber entscheiden, ob der digitale Euro technisch funktioniert, sondern vielmehr darüber, ob er den Bürgern im Alltag tatsächlich einen spürbaren Mehrwert bietet. Genau das dürfte letztlich über seinen Erfolg oder Misserfolg entscheiden.
