Dieser ETF holt sich die Gewinner automatisch ins Portfolio!
Als Anleger hat man immer wieder das Gefühl, zu spät dran zu sein. Ständig sieht man Trendaktien wie Nvidia, die sich vervielfachen, oder Aktien wie Intel, die jahrelang eher zäh gelaufen sind und plötzlich explodieren. Und dann sind da noch Halbleiteraktien, die aufgrund der KI-Nachfrage enorme Kursgewinne verzeichnen.
Während man zwar regelmäßig in einen MSCI World ETF investiert und sich über eine solide Rendite freut, sieht man auf der anderen Seite immer wieder einzelne Aktien mit unglaublichen Kurssteigerungen. Schnell ärgert man sich dann ein wenig und hat das Gefühl, wichtige Trends zu verpassen.
Genau hier beginnt das Dilemma. Wenn man selbst in solche Trends einsteigt, besteht natürlich immer das Risiko, bereits zu spät zu sein. Niemand weiß genau, in welchem Stadium eines Hype-Zyklus man sich aktuell befindet. Zudem ist es für die wenigsten Anleger zuverlässig vorhersehbar, welche Unternehmen letztendlich die größten Gewinner sein werden. Oft zeigt sich das erst dann, wenn die ersten großen Kursanstiege bereits stattgefunden haben.

Genau dieses Problem versuchen sogenannte Momentum-ETFs zu lösen. Sie gewichten die aktuell stärksten Aktien automatisch höher und reduzieren gleichzeitig die Gewichtung schwächerer Titel. Die Idee dahinter klingt fast zu einfach: Gewinner bleiben oft länger Gewinner, als viele Anleger erwarten. Gleichzeitig werden viele der schwächeren Unternehmen, die beispielsweise ebenfalls im MSCI World enthalten sind, automatisch zurückgedrängt.

Doch funktioniert das wirklich so einfach, wie es sich anhört, und lässt sich damit die Rendite maximieren? Welche Risiken stecken hinter dieser Strategie, die auf Momentum setzt?
Was macht ein Momentum-ETF eigentlich?
Ein klassischer MSCI-World-ETF gewichtet Unternehmen nach ihrem Marktwert. Je größer ein Unternehmen ist, desto stärker ist es im Index vertreten. Dadurch entsteht das viel diskutierte Klumpenrisiko, aber auch das Problem, dass man Aktien, die gerade nicht so beliebt sind, aber eine große Marktkapitalisierung haben, weil es einfach große Konzerne sind, mitschleppt. Das schmälert auf den ersten Blick natürlich die Rendite.

Momentum-ETFs verfolgen dabei einen anderen Ansatz. Hier wird untersucht, welche Aktien in den vergangenen Monaten die stärkste Kursentwicklung gezeigt haben. Die Grundannahme dahinter ist, dass bei diesen Unternehmen aktuell etwas besonders Positives passiert, sei es durch steigende Gewinne, neue Technologien oder eine hohe Nachfrage nach ihren Produkten.
Diese Aktien erhalten anschließend ein höheres Gewicht im Portfolio. Aktien mit einer schwachen Entwicklung werden dagegen reduziert oder teilweise sogar vollständig entfernt.
Dadurch passt sich der ETF laufend an die aktuellen Gewinner am Markt an.
Gleichzeitig sollen Trends systematisch genutzt und emotionale Entscheidungen vermieden werden. Bist du beispielsweise von einer Aktie überzeugt und hältst trotz fallender Kurse daran fest, dann würde ein Momentum-ETF diese Aktie völlig emotionslos reduzieren oder sogar aus dem Portfolio entfernen. Auf der anderen Seite werden stark steigende Gewinneraktien automatisch höher gewichtet, selbst wenn viele Anleger noch zögern oder den Einstieg verpassen.
Momentum-ETFs versuchen also genau das umzusetzen, was viele Anleger gerne machen würden, in der Praxis aber oft nicht konsequent schaffen: Gewinner laufen lassen und Verlierer konsequent zurückdrängen.
Warum funktioniert Momentum überhaupt?
Auf den ersten Blick erscheint diese Strategie für manche Anleger durchaus merkwürdig. Viele gehen nämlich davon aus, dass stark gestiegene Aktien bereits zu teuer sind oder dass der Hype bald wieder vorbei sein könnte.
In der Realität zeigen wissenschaftliche Untersuchungen jedoch seit Jahrzehnten immer wieder dasselbe Muster: Starke Aktien bleiben häufig länger stark, als viele Anleger erwarten. Genau diesen Effekt konnte man auch in den vergangenen Jahren sehr gut beobachten. Unternehmen wie Nvidia, Microsoft oder Broadcom sind nicht nur einige Monate gestiegen, sondern konnten ihre Aufwärtsbewegungen über Jahre hinweg fortsetzen.
Das wohl plakativste Beispiel der vergangenen Jahre ist Nvidia. Die Aktie ist immer wieder massiv gestiegen und hat Bewertungen erreicht, bei denen viele klassische Value-Investoren längst nicht mehr investieren würden.

Nichtsdestotrotz konnte das Unternehmen die hohen Erwartungen durch stark steigende Gewinne immer wieder rechtfertigen. Viele Anleger dürften sich deshalb in den vergangenen Jahren regelmäßig dieselbe Frage gestellt haben: Soll ich jetzt noch einsteigen oder ist es bereits zu spät?
Oft fiel die Entscheidung gegen einen Einstieg aus. Einige Monate später folgte dann nicht selten die Ernüchterung, weil die Aktie erneut deutlich gestiegen war und man den nächsten Kursanstieg verpasst hatte.
Für diese häufig langanhaltenden Aufwärtstrends gibt es jedoch nicht nur die positive Entwicklung eines Unternehmens als Erklärung. Auch andere Faktoren können dazu beitragen, dass Gewinneraktien über längere Zeiträume immer weiter steigen:
- Institutionelle Anleger bauen Positionen oft über Monate hinweg auf.
- Positive Unternehmensnachrichten wirken häufig länger nach.
- Analysten passen ihre Erwartungen nur schrittweise an.
- Anleger reagieren oft zu langsam auf neue Entwicklungen.
Dadurch entstehen Trends, die deutlich länger laufen können, als die meisten Marktteilnehmer vermuten. Und genau auf diesen Effekt setzen Momentum-ETFs. Sie versuchen nicht vorherzusagen, welche Aktien die nächsten Gewinner sein werden, sondern investieren gezielt in Unternehmen, die bereits Stärke zeigen und von einem bestehenden Trend profitieren.
Warum profitieren Momentum-ETFs aktuell besonders stark?
Die vergangenen Monate waren nahezu der perfekte Nährboden für Momentum-Strategien und beinahe ein Paradebeispiel dafür, wann diese besonders gut funktionieren können.
Vor allem der KI-Boom hat dazu geführt, dass enorme Kapitalmengen über einen längeren Zeitraum in einige wenige Unternehmen geflossen sind. Während viele Anleger noch darüber diskutierten, ob die Bewertungen bereits zu hoch seien, kannten die Kurse oft nur eine Richtung: nach oben.
Allein im betrachteten Zeitraum der letzten drei Monate, in dem dieser Artikel entstanden ist, konnte einer der bekanntesten Momentum-ETFs eine Rendite von 16,9 % erzielen. Zum Vergleich: Breite Weltaktien-ETFs kamen im selben Zeitraum auf weniger als 9 %.

Momentum-ETFs hatten die großen Gewinner bereits frühzeitig höher gewichtet und konnten dadurch deutlich stärker von den laufenden Trends profitieren. Genau deshalb gelingt es Momentum-Strategien immer wieder, den breiten Markt über bestimmte Zeiträume hinweg deutlich zu schlagen.
Allerdings zeigt dieses Beispiel auch, dass Momentum vor allem dann seine Stärke ausspielt, wenn Trends über längere Zeit bestehen bleiben und sich die Gewinner immer weiter vom restlichen Markt absetzen.
Die Nachteile von Momentum-Strategien
Bevor wir am Ende zu der Frage kommen, ob ein Momentum-ETF eine bessere Alternative zum MSCI World sein kann, müssen wir uns unbedingt auch die Nachteile ansehen. Denn Momentum ist keine Einbahnstraße, die immer nur nach oben führt.
Tatsächlich gibt es Marktphasen, in denen Momentum-Strategien deutlich schlechter abschneiden können als klassische Weltaktien-ETFs. Das liegt vor allem daran, dass Momentum darauf angewiesen ist, dass bestehende Trends weiterlaufen. Sobald sich die Marktführerschaft verändert oder Anleger plötzlich andere Branchen bevorzugen, kann sich der Vorteil sehr schnell ins Gegenteil verkehren.
Wenn Trends plötzlich drehen
Momentum lebt davon, dass Gewinner möglichst lange weiter steigen. Sobald sich die Marktführerschaft jedoch ändert, entsteht ein Problem. Denn dann befinden sich häufig genau die Aktien im Portfolio, die Anleger eigentlich nicht mehr besitzen möchten.

Ein gutes Beispiel dafür war die Zeit nach der Corona-Krise. Technologieaktien gehörten zunächst zu den großen Gewinnern und konnten enorme Kursanstiege verzeichnen. Mit der Zinswende im Jahr 2022 änderte sich das Bild jedoch schlagartig. Viele Technologieunternehmen gerieten unter Druck und mussten teils deutliche Kursverluste hinnehmen.
Der Momentum-ETF hat sich in dieser Phase zwar erstaunlich gut geschlagen, dennoch kam es zu einer sogenannten Sektorrotation. Während viele Technologieaktien korrigierten, entwickelten sich andere Bereiche wie Energie- oder klassische Value-Aktien deutlich besser. Da Momentum-ETFs ihre Zusammensetzung nur in festen Intervallen anpassen, konnten sie auf diesen Wandel nicht sofort reagieren.
Dadurch lag der Momentum-ETF zeitweise sogar über ein Jahr deutlich hinter der Performance eines klassischen Weltaktien-ETFs zurück. Erst Ende 2023 und vor allem im Jahr 2024 begann sich das Blatt wieder zu wenden. Mit dem Aufkommen des KI-Booms floss erneut viel Kapital in Technologie- und Wachstumsunternehmen. Beim nächsten Rebalancing wurden diese Aktien wieder stärker gewichtet, wodurch der Momentum-ETF seinen Rückstand nach und nach aufholen konnte.
Dieses Beispiel zeigt sehr gut, dass Momentum nicht nur Phasen deutlicher Überrenditen liefern kann, sondern Anleger auch längere Zeiträume durchstehen müssen, in denen die Strategie dem breiten Markt hinterherläuft.

Nun könnte man sich die Frage stellen, warum Momentum-ETFs nicht noch schneller auf neue Trends reagieren und beispielsweise jeden Monat ein Rebalancing durchführen.
Theoretisch würde dadurch die Möglichkeit bestehen, neue Gewinneraktien früher ins Portfolio aufzunehmen. In der Praxis hätte ein deutlich häufigeres Rebalancing jedoch auch Nachteile.
Zum einen würden die Handelskosten steigen, da wesentlich häufiger Aktien gekauft und verkauft werden müssten. Zum anderen könnten kurzfristige Kursbewegungen zu sogenannten Fehlsignalen führen. Nicht jede Aktie, die einen Monat lang besonders stark steigt, entwickelt sich automatisch zu einem langfristigen Gewinner. Ein zu häufiges Rebalancing könnte deshalb dazu führen, dass der ETF ständig zwischen verschiedenen Titeln hin- und herwechselt und dabei unnötige Transaktionskosten verursacht.
Aus diesem Grund setzen die meisten Momentum-Strategien auf längere Rebalancing-Intervalle von drei oder sechs Monaten. Dadurch erhalten Trends genügend Zeit, sich zu bestätigen, während gleichzeitig die Kosten und die Gefahr von Fehlsignalen reduziert werden.
Ist Momentum die bessere Alternative zum MSCI World?
Die entscheidende Frage lautet nun: Wo kann ein Momentum-ETF seinen Platz im Portfolio finden und kann er möglicherweise sogar den klassischen MSCI World ETF ersetzen?
Schaut man rein auf die langfristige Performance, dann haben sich Momentum-Strategien über viele Zeiträume hinweg durchaus behauptet und den breiten Markt teilweise sogar übertroffen. Dennoch sollte man sich die Frage stellen, ob man einen ETF im Portfolio haben möchte, der sich letztlich an vergangenen Kursbewegungen orientiert, oder ob man die maximale Einfachheit eines klassischen MSCI World ETFs bevorzugt.

Prinzipiell gefällt mir die Idee eines Momentum-ETFs sehr gut. Die Strategie, Stärke zu kaufen, hat sich an der Börse immer wieder bewährt. Die weit verbreitete Annahme, dass stark gestiegene Aktien automatisch überbewertet sind und deshalb bald korrigieren müssen, hat sich insbesondere in den vergangenen Jahren häufig als Fehler erwiesen.
Stärke erzeugt oft weitere Stärke und kann dafür sorgen, dass Kurse deutlich länger steigen, als viele Anleger erwarten.
Kommen dann zusätzlich steigende Gewinne und positive Geschäftsentwicklungen hinzu, wie man es aktuell bei vielen Technologieunternehmen beobachten kann, werden die hohen Bewertungen teilweise sogar nachträglich gerechtfertigt. Genau deshalb konnten einige dieser Unternehmen ihre Aufwärtsbewegungen über Jahre hinweg fortsetzen.
Mir gefällt auch der Gedanke, solche Trends über einen Momentum-ETF im Portfolio abzubilden, ohne ständig einzelne Aktien kaufen und analysieren zu müssen. Vergleicht man einen Momentum-ETF mit einem klassischen Weltaktien-ETF, zeigt sich zudem, dass auch Momentum-ETFs weiterhin eine große Anzahl von Unternehmen enthalten. Viele Aktien überschneiden sich mit dem MSCI World. Der entscheidende Unterschied liegt meist in der Gewichtung der einzelnen Titel.


Gerade Anlegern, die regelmäßig das Gefühl haben, wichtige Gewinneraktien zu verpassen, kann ein Momentum-ETF dabei helfen, dieses Problem etwas zu entschärfen. Wenn sich starke Trends entwickeln, werden diese Unternehmen automatisch stärker berücksichtigt und landen so von selbst im Portfolio.
Hinzu kommt, dass Momentum einer der am besten untersuchten Faktoren der Kapitalmarktforschung ist. Der Effekt konnte über viele Jahrzehnte hinweg in unterschiedlichen Märkten beobachtet werden und hat sich historisch immer wieder nachweisen lassen. Deshalb halte ich Momentum grundsätzlich für eine Strategie, die man durchaus in Betracht ziehen kann.

Mit Blick auf den Finanzschmiede Portfolio-Kompass würde ich Momentum-ETFs allerdings eher dem volatileren Bereich mit höheren Renditechancen zuordnen. Die konkrete Gewichtung bleibt natürlich Geschmackssache. Persönlich würde ich Momentum eher als Beimischung und nicht als alleinige Kernstrategie einsetzen.
Als Ergänzung zu einem klassischen Weltportfolio kann ein Momentum-ETF durchaus sinnvoll sein. Er bietet eine vergleichsweise bequeme Möglichkeit, aktuelle Trends mitzunehmen und sich die Gewinner automatisch ins Portfolio zu holen, ohne ständig nach der nächsten Nvidia suchen zu müssen.
