Trügerische Seitwärtsphase! Warum sich Aktien manchmal falsch anfühlen – und was kluge Anleger JETZT tun

Es gibt Phasen an der Börse, die sich einfach nicht richtig anfühlen. Es gibt weder einen klaren Crash noch Euphorie oder Panik, aber auch keine echte Aufbruchsstimmung. Es gibt viele Gründe, warum der Markt einstürzen oder auch massiv steigen könnte – aber es passiert einfach nicht!

Die Indizes stehen relativ hoch. Der S&P 500 wirkt stabil. Der MSCI World notiert nahe seiner Höchststände. Und trotzdem fühlt sich das eigene Depot oft deutlich schwächer an.

Gleichzeitig korrigieren einzelne Aktien seit Monaten. Manche Risikowerte – meistens Bitcoin oder andere riskante Aktien – sind bereits deutlich gefallen, doch der Fear-and-Greed-Index bei Aktien steht auf neutral. Gerade diese Neutralität und unklare Lage verunsichert viele Anleger.

Der Fear and Greed Index spiegelt die aktuelle Stimmung an der Börse wider. Screenshot von CNN

Deshalb schauen wir uns nun genauer an, warum Seitwärtsphasen an der Börse oft so trügerisch sind und psychologisch sogar schwieriger als klassische Crashphasen, wie man den Markt in solchen Zeiten richtig einordnet – und wie man sich rational und strategisch sinnvoll verhält.


Trügerischer Aktien-Gesamtmarkt: Die Oberfläche ist stabil, darunter herrscht Bewegung

Was aktuell viele irritiert: Die Indizes sehen oft robust aus. Bei genauerer Betrachtung erkennt man jedoch eine klare Diskrepanz. Während große, stark gewichtete Unternehmen den Markt stabilisieren, korrigieren zahlreiche Einzelwerte bereits oft seit Monaten.

Ein gutes Beispiel für genau diese Marktmechanik war die Entwicklung der Microsoft-Aktie rund um den Jahreswechsel 2026: Während der S&P 500 im betrachteten Zeitraum um über 35 % zulegen konnte, bewegte sich eines seiner größten Schwergewichte (über 6,5 % des Index bestehen aus Microsoft-Anteilen) unter dem Strich seitwärts – obwohl die Aktie zwischenzeitlich ebenfalls rund 35 % im Plus lag. Wer Microsoft im Depot hatte, erlebte also starke Schwankungen und am Ende eine deutliche Korrekturphase, während der Gesamtmarkt optisch stabil und sogar stark wirkte.

Die Entwicklung von Microsoft und des S&P500 Index. Quelle

Genau hier entsteht die Irritation: Das eigene Depot fühlt sich in solchen Phasen schwach oder zumindest nervös an, während der Blick auf den Index keine offensichtliche Marktschwäche erkennen lässt. Diese Diskrepanz zwischen Indexentwicklung und Einzeltitel-Erfahrung verstärkt das Gefühl, dass „etwas nicht stimmt“.


Warum Seitwärtsmärkte psychologisch schwieriger sind als Crashs

In klassischen Crashphasen ist die Lage oft erstaunlich eindeutig: Es gibt ein dominantes Thema, das medial permanent wiederholt wird, und sehr schnell entsteht ein klarer „Schuldiger“. Ob Finanzkrise, Pandemie, Immobilienblase oder Zinsschock – die Schlagzeilen liefern eine einfache Erklärung, warum der Markt fällt.

Deshalb sind Crashs paradoxerweise leichter zu verarbeiten als Seitwärtsphasen.

Weiters:

  • Kurse fallen stark
  • Bewertungen werden günstiger
  • Mutige Käufe wirken nachvollziehbar

Auch während einer Rallye ist die Situation oft klarer, denn auch hier dominieren in den Medien bestimmte Trendthemen, die intensiv verfolgt werden. Gleichzeitig spielt das Thema Gier eine zentrale Rolle: Mutige Käufer springen auf den fahrenden Zug auf und treiben die Kurse weiter nach oben:

  • Momentum trägt
  • Gewinne bestätigen die Entscheidung

Doch in einer Seitwärtsphase fehlt genau das: die Richtung. Seitwärtsphasen können extrem zäh sein. Man kauft – und wochenlang passiert scheinbar nichts. Oder es kommt zu starken Schwankungen, doch am Ende landet der Kurs immer wieder auf einem ähnlichen Niveau.

Vielen Anlegern fehlen in solchen Phasen die Nerven, weil schlicht die Richtung fehlt. Man sieht Bewegung, aber keinen Trend. Noch unsicherer fühlt sich die Situation an, wenn einzelne Aktien in dieser Zeit bereits deutlich korrigieren. Es entsteht das Gefühl, dass unter der Oberfläche etwas vor sich geht, das man selbst nicht vollständig versteht – oder dass es sich vielleicht sogar um Vorboten eines größeren Crashs handelt.

Wenn es um die Frage geht, ob man investieren sollte, fragt man sich:

Ist das jetzt eine gute Gelegenheit oder steht der große Crash bevor?

Diese Ungewissheit erzeugt mehr Stress als ein klarer Abwärtstrend. Denn im Crash kann man zumindest sagen: „Der Markt hat übertrieben.“ In einer Übergangsphase gibt es keinen klaren Referenzpunkt.


Einordnung der aktuellen Situation am Aktienmarkt in Seitwärtsphasen

Um zu beurteilen, ob ein guter Zeitpunkt zum Investieren ist, muss man zwischen echter Systemgefahr und Bewertungsnormalisierung unterscheiden.

Im ersten Schritt ist es wichtig, die aktuelle Situation nüchtern einzuordnen. Befinden wir uns tatsächlich in einer gefährlichen Phase – etwa in einer Kredit- oder Immobilienblase? Brechen Unternehmensgewinne spürbar ein? Oder gibt es politische Eskalationen, die eine massive wirtschaftliche Schockwirkung entfalten und damit auch die Aktienmärkte nachhaltig unter Druck setzen könnten?

Häufig werden in den Medien zahlreiche Risiken intensiv diskutiert, doch viele potenzielle Pulverfässer bedeuten noch lange nicht, dass auch eines davon tatsächlich explodiert.

Entscheidend ist deshalb der Blick auf die Bewertungen: Sind Aktien aktuell übermäßig oder sogar extrem hoch bewertet? Oder gibt es Sondereffekte, die Bewertungskennzahlen vorübergehend nach oben treiben – etwa große Investitionsprogramme der Unternehmen (Stichwort CapEX), die kurzfristig die Gewinne belasten, langfristig jedoch weiteres Wachstum ermöglichen sollen? Ist die strukturelle Stabilität der Unternehmen trotz dieser Investitionen weiterhin intakt?

Um beispielsweise die Bewertung des S&P-500-Index zu betrachten, nutze ich Webseiten wie diese, um zu ermitteln, ob der Aktienmarkt überbewertet ist.

All diese Faktoren gilt es sachlich zu prüfen. Gerade das Thema Künstliche Intelligenz rund um den Jahreswechsel 2026 ist ein gutes Beispiel für solch eine Marktphase: Während zahlreiche geopolitische Spannungen für Unsicherheit sorgten, fuhren große US-Unternehmen gleichzeitig dreistellige Milliardengewinne ein und investierten ebenso viel in die KI-Infrastruktur. Diese massiven Ausgaben drücken kurzfristig auf die Gewinne, sodass Bewertungskennzahlen ansteigen.

Doch das ist keine Gewinnimplosion – es ist ein klassischer Investitionszyklus.

In solchen Phasen wartet der Markt beispielsweise auf Beweise. Er wartet darauf, dass aus hohen Investitionen nachhaltig höhere Margen entstehen. Und solange diese Bestätigung fehlt, bleibt die Phase zäh.

Die Situation nach dem KI-Hype ist ein Paradebeispiel für einen Seitwärts- oder leicht fallenden Markt. Dieser birgt gleichzeitig viele Gefahren und Chancen und ist daher so unberechenbar.


Übergangsphasen und Story-Wechsel am Aktienmarkt

Märkte leben von Narrativen. Billiges Geld war ein solches Narrativ. Die KI-Euphorie war eines. Auch die Rohstoffknappheit rund um Edelmetalle wie Gold und Silber war zeitweise (oder ist) eine dominierende Story.

Doch wenn eine große Erzählung an Kraft verliert und noch keine neue dominante Story entstanden ist, entsteht eine Wartephase. Genau das konnte man beispielsweise um den Jahreswechsel 2026 beobachten, als die KI-Euphorie spürbar abgeflacht ist. Hypes, die über Monate getragen haben, werden plötzlich nüchterner betrachtet – vor allem dann, wenn Unternehmen hohe Investitionen stemmen müssen und die tatsächlichen Gewinne noch nicht auf dem Niveau liegen, das die hohen Kurse rechtfertigen würde.

In solchen Momenten entsteht Verunsicherung. Anleger warten auf monetäre Bestätigung – also auf klare, sichtbare Gewinnsteigerungen. Solange diese Bestätigung fehlt, bleibt der Markt vorsichtig. Märkte mögen keine Übergänge. Sie mögen Klarheit, eine überzeugende Story und eine Richtung. Fehlt diese Erzählung, beginnen sie zu pendeln – manchmal stärker nach oben, manchmal stärker nach unten, aber ohne klaren, nachhaltigen Trend.


Wie man sich in solchen Seitwärtsphasen rational verhält

Das Wichtigste zuerst: Nur weil sich etwas unsicher anfühlt, alles zu verkaufen, ist meist falsch. Ebenso falsch ist es, blind alles nachzukaufen. Was sinnvoller ist:

1. Einzelwerte nüchtern bewerten

Wenn man bereits Aktien besitzt, die korrigiert haben, sollte man sich fragen:

  • Hat sich das Geschäftsmodell verschlechtert?
  • Sind die Gewinne eingebrochen?
  • Oder hat sich die Bewertung verändert?

Wenn Fundamentaldaten stabil bleiben, reduziert sich langfristig das Abwärtspotenzial. Das bedeutet nicht, dass Kurse nicht weiter schwanken können – aber die Grundlage bleibt intakt.

Gerade bei Einzelwerten, die in solchen Seitwärtsphasen deutlich einbrechen, obwohl der Gesamtmarkt insgesamt stabil bleibt, können sich attraktive Chancen ergeben. Entscheidend ist jedoch, nicht blind nachzukaufen, sondern gezielt auf historische Bewertungsniveaus zu achten. Ein Blick auf frühere Bewertungs-Tiefs oder Phasen mit vergleichbarer Marktunsicherheit kann helfen, realistische Einstiegspunkte zu identifizieren und nicht nur einem kurzfristigen Kursrückgang hinterherzulaufen.

Hier ein Beispiel einer Aktie mit dem dazugehörigen Kurs-Gewinn-Verhältnis der vergangenen Jahre. Solche Bewertungskennzahlen verfolge ich beispielsweise über Plattformen wie TradingView (keine Werbung und keine Anlageempfehlung). Häufig sieht man, dass Aktien in Korrekturphasen wieder auf ähnliche Bewertungsniveaus wie in früheren Tiefpunkten zurückfallen. Das kann ein hilfreicher Anhaltspunkt sein, um einzuschätzen, ob sich eine Aktie ihrem historischen Bewertungsboden nähert – auch wenn das natürlich keine Garantie für eine unmittelbare Trendwende ist.

2. In Tranchen denken

Niemand trifft das perfekte Timing. Gerade in Phasen großer Unsicherheit, in denen sich Märkte theoretisch sowohl nach oben als auch nach unten bewegen können, ist es besonders schwierig, den perfekten Einstiegszeitpunkt zu finden.

Deshalb kann es sinnvoll sein, schrittweise vorzugehen. Anstatt eine größere Summe auf einmal zu investieren, bietet es sich an, das Kapital auf mehrere Tranchen zu verteilen oder einen Aktiensparplan zu nutzen und regelmäßig monatlich zu investieren. Auf diese Weise reduziert man das Risiko, genau zum ungünstigsten Zeitpunkt einzusteigen, und schafft sich gleichzeitig eine strukturierte Vorgehensweise in einer unklaren Marktphase.

3. Geduld als Strategie akzeptieren

Eine der schwierigsten Eigenschaften am Aktienmarkt ist Geduld. Viele Anleger verspüren ständig den Drang, aktiv zu sein, weil sie glauben, nur durch permanentes Handeln die bestmögliche Rendite erzielen zu können.

Doch nicht jede Marktphase verlangt nach Aktion.

Seitwärtsmärkte können Phasen des Bewertungsabbaus sein und damit durchaus gesund für die langfristige Entwicklung. Der Markt braucht solche Abschnitte, um sich neu zu orientieren und übertriebene Erwartungen abzubauen. Man muss sich bewusst machen, dass man nicht immer handeln muss – weder kaufen noch verkaufen. Manchmal ist es die bessere Entscheidung, Ruhe zu bewahren, Geduld zu üben und bewusst etwas Abstand vom täglichen Börsengeschehen zu nehmen.

4. Liquidität sinnvoll parken

Ein sinnvoller Ansatz in solchen Phasen ist es, freie Liquidität bewusst zu parken, wenn man sich bei Einzelaktien unsicher ist oder keine überzeugenden Einstiegsgelegenheiten findet. Mittlerweile gibt es börsengehandelte Produkte wie Geldmarkt-ETFs oder Anleihen-ETFs, mit denen – je nach Zinsumfeld – Renditen von zwei bis sechs Prozent möglich sind. Das ist deutlich attraktiver als unverzinstes Kapital auf dem Konto liegen zu lassen und bietet gleichzeitig hohe Flexibilität.

Passiver zu investieren oder vorübergehend weniger aktiv zu handeln ist kein Zeichen von Schwäche – es ist oft eine sehr bewusste, strategische Entscheidung.

Mehr zum Thema Geldmarkt-ETFs oder Anleihen-ETFs findest du in den verlinkten Artikeln.


Chancen-Risiko-Verhältnis von Seitwärtsphasen realistisch einordnen

In unklaren Phasen orientiere ich mich an den Unternehmensgewinnen und beobachte, ob sie stabil bleiben. Damit ist die Abwärtsgefahr strukturell begrenzt.

Selbstverständlich können geopolitische Ereignisse oder unerwartete Schocks jederzeit auftreten. Doch ohne Gewinnimplosion fehlt oft der klassische Auslöser für einen massiven Bärenmarkt in solchen Seitwärtsphasen.

Rückblickend waren solche Übergangsphasen selten Endpunkte – vielmehr waren sie häufig Vorbereitungszonen für neue Trends, die später an der Börse gespielt wurden. Genau deshalb gilt es, den Markt aufmerksam zu beobachten, selektiv auszuwählen und vor allem Geduld zu bewahren.

Märkte fühlen sich oft dann „falsch“ an, wenn sie sich neu sortieren. Seitwärtsphasen sind unbequem, aber sie bedeuten nicht das Ende. Im Gegenteil: Sie können wertvolle Ruhephasen sein, bevor sich der nächste größere Trend formt. Manchmal ist es sogar sinnvoll, bewusst etwas Abstand vom täglichen Börsengeschehen zu nehmen und die Dinge mit klarem Kopf zu betrachten.

Die größte Gefahr in Seitwärtsphasen ist nicht der Markt. Es ist die Ungeduld der Anleger.

Von Daniel

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