Münzprägeanstalten verkaufen ihre Silberunzen teilweise zu 80 Prozent über dem Silberwert. Bei privaten Verkäufen wird nicht mehr gehandelt. Manchmal muss man Stunden in der Warteschlange stehen, um seine bei Edelmetallhändlern reservierten Münzen abzuholen.
Gold und Silber sind gerade wieder überall. Schlagzeilen, Videos, Social Media – plötzlich reden wieder viele über Edelmetalle. Dabei klingt es oft gleich: Inflationsschutz, sichere Rendite und der perfekte Schutz vor allem in einer so geopolitisch unsicheren Lage.
Genau hier beginnt das Problem. Viele Menschen lassen sich von diesem Hype mitreißen, fühlen sich verunsichert und kaufen Edelmetalle um jeden Preis.
Ich möchte in diesem Artikel bewusst keinen Hype bedienen. Ich möchte erklären, wofür Gold und Silber meiner Meinung nach sinnvoll sind, wofür nicht – und warum ich sie seit vielen Jahren kaufen und ob ich jetzt im Moment bei Gold oder Silber zuschlagen würde.
Warum Gold kein klassischer Inflationsschutz ist
Viele gehen davon aus, dass Gold automatisch mit der Inflation steigt. Preise steigen, Geld verliert an Wert, Gold gleicht das aus – so die einfache Logik. In der Realität funktioniert das so nicht. Zumindest nicht kurzfristig und nicht zuverlässig.
Ja, der Goldpreis hat in den letzten Jahren die Inflation bei weitem „geschlagen” und mehr als ausgeglichen. Somit wurde die Kaufkraft am Papier erhalten – genauso wie bei Aktien oder beinahe jeder anderen Anlageklasse.
Das reine Investment in Edelmetalle verhindert aber nicht, dass du von der Inflation betroffen bist. Oder feilst du vor jedem Einkauf ein Stück von deiner Goldunze herunter, um dir mehr leisten zu können?

Außerdem ist Inflation ein schleichender Prozess, der beinahe jedes Jahr zuschlägt. Gold reagiert darauf oft gar nicht oder zeitverzögert. Es gibt lange Phasen, in denen die Inflation hoch ist, der Goldpreis aber seitwärts läuft oder sogar fällt. Wer Gold nur kauft, um die Inflation im Supermarkt auszugleichen, wird enttäuscht werden.
Diese Durststrecken erstreckten sich teilweise über viele Jahre oder sogar Jahrzehnte. Nach einem starken Anstieg korrigierten die Kurse oft um 30 bis 50 Prozent und es dauerte lange, bis sie wieder die alten Höchststände erreichten.
Aber der entscheidende Punkt warum Gold und Silber aktuell so steigt ist ein anderer. Gold reagiert nicht auf Inflation, sondern auf Vertrauen. Genauer gesagt auf Vertrauensverlust. Immer dann, wenn Menschen beginnen, dem Geldsystem, den Institutionen oder den Regeln zu misstrauen, wird Gold interessant. Nicht als Rendite, sondern als Ausweichmöglichkeit.
Nach dem Aufheben der Dollarbindung durch Nixon, der Ölkrise und dem Vertrauensverlust in Papiergeld oder nach dem Platzen der Dotcom-Blase, einem der schwersten Börsencrashs der Geschichte, folgten starke Anstiege. Genauso wie jetzt, durch die geopolitischen Spannungen und die Rekordkäufe der Zentralbanken.
Gold ist kein Produkt des Geldsystems. Es ist kein Versprechen, keine Forderung, kein Vertrag. Es ist einfach da und das seit tausenden Jahren. Und genau das macht es in bestimmten Phasen wertvoll.
Gilt das aber auch für den kleinen Bruder von Gold, das aktuell so beliebte Silber?
Silber ist kein kleines Gold – sondern ein doppeltes Risiko
Ich habe meine erste Silberunze im Jahr 2008 gekauft. Insgesamt bin ich seit rund 18 Jahren in Silber investiert. Und ich kann aus Erfahrung sagen: Es gab viele Jahre, in denen Silber völlig uninteressant war. Kein Hype, keine Schlagzeilen, keine Euphorie. Lange Seitwärtsphasen, hohe Schwankungen, wenig Aufmerksamkeit.

Genau deshalb werde ich vorsichtig, wenn Silber plötzlich überall gehypt wird. Silber wird oft als günstige Alternative zu Gold dargestellt, als „Gold für den kleinen Mann“. Das ist ein gefährlicher Irrtum.
Silber hat eine Eigenschaft, die es grundlegend von Gold unterscheiden: Es ist stark von der Industrie abhängig. Ein erheblicher Teil (50%!) der jährlichen Silbernachfrage kommt aus industriellen Anwendungen, etwa aus der Elektronik, der Photovoltaik oder anderen technischen Bereichen. Allein die Photovoltaikindustrie soll weltweit 16–19 % der gesamten Silbernachfrage bedienen. Das ist ein massiver Preisfaktor, wenn es dieser Branche einmal schlecht geht.
Das bedeutet: Der Bedarf an Silber schwankt stark. In Boomphasen kann Silber profitieren, in Rezessionen leidet es.

Betrachtet man den Unterschied zwischen dem Silberverbrauch und der Silbererzeugung, könnte man im ersten Moment meinen, dass das Defizit der letzten Jahre den Anstieg hervorgerufen hat und dafür sorgen wird, dass es auch so weitergeht.
Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Höhere Preise machen Recycling plötzlich deutlich interessanter. Das Defizit wurde zudem über Lagerbestände oder Abflüsse von Silber-Fonds und anderen Vermögensspeichern gedeckt. Und das kann noch lange so weitergehen, da bisher 50 % des Bedarfs allein in Münzen und Barren geflossen sind. Der Markt hat durchaus die Möglichkeit, enorme Silbermengen abzuzapfen, und ein so hoher Preis wie aktuell macht es Silberverkäufern einfach, einen kleinen Teil ihrer großen Bestände zu verkaufen.
Auch ich habe die Chance genutzt und einen Teil meines Silbers, das ich damals für rund 15 € pro Unze gekauft hatte, für über 100 € pro Unze verkauft. Das ergibt eine Gewinn von 566 % – vielen Dank, Silberhype!
Silber hat Chancen und natürlich hoffe auch ich, dass der Preis noch weiter steigt. Für mich ist es jedoch nur eine Ergänzung meines Portfolios und kein Fundament. Wenn die Vernunft wieder einkehrt und die Medien das nächste Thema ausschlachten, wird sich der Preis wieder einpendeln.
Und genau deshalb sollte man es anders behandeln als Gold.
Vermögen außerhalb des Geldsystems – was das wirklich bedeutet
Kommen wir nun zu dem Teil, warum Edelmetalle wie Gold oder Silber für mich interessant sind: Fast alles, was wir heute besitzen, ist Teil des Geldsystems. Bankguthaben, Tagesgeld, Anleihen, Versicherungen, Aktien, Fonds, ETFs, Zertifikate. All das basiert auf Versprechen, Regeln und funktionierenden Strukturen. Solange das System stabil ist, funktioniert das hervorragend.
Das Problem entsteht nicht im Normalbetrieb, sondern in Stressphasen. Bankenkrisen, politische Eingriffe, Kapitalverkehrskontrollen, Kontensperren oder Regeländerungen passieren nicht täglich, aber sie passieren. Und sie passieren meist überraschend.
Gold ist in diesem Zusammenhang kein „besseres Investment“, sondern eine Alternative zum System. Es hängt nicht von einer Bank ab, nicht von einer Währung, nicht von einer politischen Entscheidung. Genau deshalb ist Gold für mich interessant – nicht, weil es schneller steigt als Aktien, sondern weil es sich dem System entzieht.
Es kann ohne jegliche digitale Voraussetzungen gelagert werden, es erfordert keine Zutrittsberechtigung eines Instituts und es kann im besten Fall nicht gesperrt werden (Goldverbote ausgenommen).
All das kann einem ein Gefühl der Sicherheit geben. Daher leitet sich auch meine persönliche Strategie für diese Edelmetalle ab.
Wie ich Gold und Silber wirklich nutze
Ich freue mich natürlich riesig über die bisher erzielte Performance mit Gold und Silber, nachdem es im Vergleich zu Aktien jahrelang eher schlechter abgeschnitten hat.
Aber Gold ist für mich kein Renditebaustein. Es ist kein Sparplanersatz und keine Wette auf steigende Preise. Gold ist ein ruhiger Teil meines Vermögens, der bewusst außerhalb des Systems liegt. Ich erwarte keine Wunder. Ich erwarte Stabilität, Beständigkeit und Unabhängigkeit.
Silber nutze ich anders. Ich erwarte hier keine Sicherheit, sondern akzeptiere Volatilität. Meine lange Erfahrung mit Silber hat mir gezeigt, dass Geduld entscheidend ist – und dass Hypephasen oft schlechte Zeitpunkte sind, um neu einzusteigen. Die Hälfte des Preises wird durch die reale industrielle Nachfrage gedeckt. Ein weiterer Faktor, der den Preis stark beeinflussen kann, ist die teilweise Recyclingfähigkeit.
Ich freue mich ehrlich gesagt darüber, dass Edelmetalle – vor allem Gold – wieder ernster genommen werden. Die Käufe vieler Zentralbanken zeigen, dass Vertrauen in Papiergeld nicht grenzenlos ist. Gleichzeitig bieten Edelmetalle Menschen eine Möglichkeit, Vermögen aufzubauen, ohne sich zwangsläufig an Börsen, Aktien oder komplexen Finanzprodukten beteiligen zu müssen.
Wichtig ist mir dabei aber eines: Man muss nicht zu jedem Preis kaufen.
Gerade in Phasen hoher medialer Aufmerksamkeit ist Zurückhaltung oft sinnvoll. Gold und Silber funktionieren über Jahrzehnte, nicht über Wochen. Ruhig, diszipliniert, ohne sich von Schlagzeilen treiben zu lassen.
Gold und Silber bieten keinen automatischen Inflationsschutz, garantieren keine Rendite und ersetzen kein ausgewogenes Portfolio. Aber sie erfüllen einen Zweck, den viele andere Anlagen nicht erfüllen können. Denn sie können der absolut ruhigste und entspannteste Teil eines breit aufgestellten Portfolios sein. In den langen Phasen des Desinteresses kann man wunderbar und ohne Stress seine Bestände aufbauen.
Sie sind so konzipiert, dass man gar nicht erst auf die Idee kommt, sie zu verkaufen. Stattdessen kann man sich außerhalb des Geldsystems ein kleines Vermögen aufbauen, über dessen Kurs man sich keine Gedanken machen muss. In dieser Hype-Phase habe ich kein Gold gekauft oder verkauft, aber einen Teil meiner Silberbestände habe ich verkauft, denn der Preis war einfach zu gut.
Ich habe keine Ahnung, wohin die Rally geht. Ob Silber auf 200 $ steigt oder Gold auf 10.000 $ in weniger Wochen, ist mir ehrlich gesagt auch egal.
Gold und Silber sind kein Versprechen auf Gewinn, sondern eine bewusste Entscheidung, nicht alles dem Geldsystem zu überlassen.
