Du investierst langfristig. ETFs, Aktien oder vielleicht ein Sparplan. Dein Portfolio wächst von Monat zu Monat. Irgendwann hast du die ersten 10.000 Euro investiert, dann sind es 20.000, irgendwann 50.000 und der eine oder andere fleißige Sparer erreicht auch die 100.000 oder mehr.
Man wählt einen stabilen Broker, bei dem man denkt, alles sei sicher, sauber strukturiert und gut durchdacht. Wenn man dann jedoch plötzlich von Finanzkrisen, Bankenpleiten oder einem Crash am Aktienmarkt hört, kommt das ungute Gefühl auf: Sind die Aktien in meinem Depot eigentlich sicher?
In diesem Artikel klären wir, wie sicher die Aktien bei deinem Broker oder deiner Bank sind und welche Risiken es gibt. Denn das größte Risiko ist viel banaler – und gleichzeitig viel gefährlicher als jegliche rechtliche Situation. Und genau darüber denken die wenigsten nach.
Wie deine Aktien und ETFs tatsächlich verwahrt werden
Zunächst müssen wir ein zentrales Grundprinzip erklären, da ohne dieses Verständnis vieles falsch eingeordnet wird. Deine Aktien und ETFs liegen nicht einfach „beim Broker“, so wie Geld auf einem Konto. Ein Broker ist in erster Linie eine Schnittstelle: für Kauf, Verkauf, Abrechnung und Anzeige in deinem Depot.
Die eigentliche Verwahrung passiert auf mehreren Ebenen:
- eine Verwahrstelle (z. B. Clearstream oder eine Depotbank),
- technische Abwicklung über Clearing- und Settlement-Systeme,
- buchhalterische Zuordnung zu deinem Depot.
Im einfachsten Fall ist dein Broker also nur eine nette, moderne Benutzeroberfläche. Das eigentliche „Register“ deines Vermögens liegt bei anderen Instituten.
In einem anderen Artikel habe ich dir erklärt, wie du bei Flatex oder Trade Republic sehen kannst, wo deine Aktien verwahrt werden.
Rechtlich sind Wertpapiere als Sondervermögen konstruiert. Das bedeutet: Sie gehören dir, nicht dem Broker, und fallen im Insolvenzfall grundsätzlich nicht in die Insolvenzmasse. Bei Bankeinlagen ist es anders: Das Geld gehört rechtlich der Bank und ist im schlimmsten Fall verloren. Das ist wichtig – aber es ist nur die halbe Wahrheit.
Denn dieses Konstrukt funktioniert nur dann reibungslos, wenn der Broker in der Vergangenheit korrekt gearbeitet hat:
- saubere Trennung von Eigen- und Kundenbeständen,
- korrekte Buchungen,
- funktionierende IT-Systeme,
- keine Schlamperei, kein systematisches Chaos, kein Betrug.
Umso wichtiger ist es, sein Vermögen nur regulierten Brokern zu überlassen, bei denen alles korrekt abläuft. Online-Broker aus dem Ausland müssen nicht zwangsläufig illegal oder unsicher sein, aber es ist wichtig, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu kennen.
Außerdem ist von Tradinggruppen, Managed Accounts, Investmentclubs usw. abzuraten, bei denen man Geld einzahlt und ein Trader mit dem eingesammelten Geld handelt. Auch hier ist eine Abwicklung deutlich komplexer, da man immer den Vermögensverwalter oder den Trader dazwischen hat.
Sobald hier etwas nicht passt, beginnt die juristische und technische Aufarbeitung. Und die kostet Zeit. Sondervermögen schützt vor dem rechtlichen Verlust – nicht vor Verzögerungen, Prüfungen, Betrug und Zugriffssperren.
Was bei einer Broker-Pleite praktisch passiert
Wenn ein Broker zahlungsunfähig wird, läuft das nicht wie ein Software-Update mit kurzer Unterbrechung. Der Ablauf ist grob immer ähnlich:
Zuerst wird der Handel gestoppt. Dein Depot existiert zwar weiter, aber du kannst nichts mehr tun. Kein Verkauf, kein Kauf, kein Umschichten. Dann übernimmt ein Insolvenzverwalter oder eine Aufsichtsbehörde die Kontrolle. Ab diesem Moment zählt nicht mehr Kundenkomfort, sondern rechtliche Ordnung.
Jetzt passiert etwas, das viele unterschätzen: Du musst selbst aktiv werden.
Es gibt keinen Automatismus, der dir „einfach ein neues Depot zuteilt“. Du musst:
- einen neuen Broker auswählen (sofern du keinen zweiten hast),
- dort ein Depot eröffnen (inklusive Identitätsprüfung),
- einen Depotübertrag beantragen,
- warten, bis alle Bestände geprüft und übertragen sind.
Den Ablauf einer Brokerpleite habe ich in diesem Artikel etwas ausführlicher beschrieben.
Erst danach bekommst du wieder Zugriff. Und genau hier beginnt das eigentliche Risiko.
Was mit deinen Wertpapieren nach der Pleite geschieht
Nach einer Broker-Pleite werden die Wertpapiere nicht „ausbezahlt“, sondern übertragen. Entweder zu einem neuen Broker deiner Wahl oder – in manchen Fällen – gesammelt zu einem Auffanginstitut, von dem aus du dann weiter transferieren kannst.
Das klingt einfach, ist es aber nicht. Denn:
- Bestände müssen eindeutig zugeordnet werden,
- Buchungen müssen mit Verwahrstellen abgeglichen werden,
- Dividenden, Steuerdaten und Kapitalmaßnahmen müssen korrekt verarbeitet sein,
- bei komplexen Produkten wird alles noch langsamer.
Je größer der Broker, desto mehr Depots sind betroffen. Je kleiner der Broker, desto geringer sind oft die personellen und technischen Ressourcen. Beides kann zu erheblichen Verzögerungen führen.
Wichtig: Ohne bestehendes Zweitdepot verlierst du zusätzlich Zeit, weil du erst ein neues eröffnen musst, bevor überhaupt irgendetwas übertragen werden kann.
Du darfst nicht davon ausgehen, dass im Pleitefall alles reibungslos verläuft! Das Personal wird reduziert und die Technik funktioniert nicht mehr wie vorgesehen. All das kann einen Transfer und die korrekte Abwicklung ewig verzögern.
Das größte Risiko: Zeit, Marktbewegungen und Handlungsunfähigkeit
Jetzt kommen wir zum Kern des Artikels. Das eigentliche Risiko ist nicht, dass deine Aktien „weg“ sind. Das Risiko ist, dass du nichts tun kannst, während der Markt sich weiterbewegt:
- können Kurse massiv fallen oder steigen,
- kannst du nicht verkaufen, nicht absichern, nicht reagieren,
- hängen Dividenden oder werden verspätet gutgeschrieben,
- laufen Sparpläne ins Leere oder werden gestoppt.
Wenn du langfristig investierst, mag das auf den ersten Blick egal wirken. Aber das ist ein Denkfehler. Denn auch langfristige Strategien brauchen Handlungsfähigkeit – spätestens dann, wenn sich Rahmenbedingungen ändern oder du Liquidität brauchst.
Bei vergangenen Pleiten von Brokern oder Banken, wie beispielsweise bei Lehman Brothers, wurden die ersten einfachen Kundendepots nach einem Monat abgewickelt. Eine vollständige Normalisierung war erst nach zwei bis drei Monaten erreicht. Schwieriger war es teilweise bei komplexen Finanzprodukten wie Futures oder Optionsscheinen. Bei anderen Brokerpleiten hat es teilweise sechs bis neun Monate gedauert, bis komplexere Finanzprodukte rückabgewickelt wurden. In dieser Zeit kann ein Optionsschein bereits verfallen sein oder sich erheblich im Wert verändert haben.
Auch als Langfristanleger: Wochen ohne Zugriff sind unangenehm. Monate können existenziell problematisch werden, wenn Geld eingeplant war oder Märkte extrem reagieren.
Fazit: Was du konkret tun kannst, um dieses Risiko zu reduzieren
Deine Aktien und ETFs sind geschützt – juristisch. Aber Vermögen besteht nicht nur aus Eigentum, sondern aus Zugriff, Timing und Handlungsfähigkeit.
Das größte Risiko bei einer Broker-Pleite ist nicht der Verlust, sondern der Stillstand. Hinzu kommt das Risiko, dass in den Wochen und Monaten der Abwicklung etwas an der Börse nicht so läuft, wie man es sich vorstellt. Wer das versteht, kann sich vorbereiten.
Du kannst eine Broker-Pleite nicht verhindern. Aber du kannst ihre Folgen abmildern. Ein paar klare, pragmatische Maßnahmen:
- Mehr als einen Broker nutzen. Nicht aus Misstrauen, sondern aus Risikostreuung.
- Ein zweites Depot bereits aktiv haben, auch wenn es leer ist. Das spart im Ernstfall Wochen, da man sofort den Übertrag beantragen kann.
- Den aktuellen Bestand sollte man auch extern irgendwo tracken, zum Beispiel in einem Portfolio-Tracking-Tool oder notfalls auch in Excel.
- Große, etablierte Broker bevorzugen, mit klarer Regulierung und Sitz in Österreich oder Deutschland.
- Darauf achten, wo die Verwahrung erfolgt und welche Sicherungssysteme greifen.
- Komplexe Produkte bewusst begrenzen, wenn du keine langen Klärungsprozesse riskieren willst.
- Liquiditätsreserve außerhalb des Depots halten, für den Fall, dass du temporär nicht zugreifen kannst.
Wenn du diese Punkte berücksichtigst und dir bewusst bist, dass du selbst aktiv werden musst, wenn ein Broker in Schwierigkeiten gerät, dann hast du zumindest alles Mögliche getan.
